Der älteste Taufstein des Westerwaldes
Auf der Suche nach dem ältesten Taufstein des Westerwaldes

Foto: Katholische Kirchengemeinde Altenkirchen
Die Suche nach dem ältesten Taufstein des Westerwaldes ist spannend und liest sich wie ein Krimi. Dabei spielen die Reformation, das Altenkirchener Schloss, die Ortsgemeinde Mammelzen und der ehemalige Dorfschmied von Mammelzen jeweils eine entscheidende Rolle.
Wenn man im Internet die Liste der Kulturdenkmäler der Ortsgemeinde Mammelzen aufruft, steht dort, dass sich bei der Adresse „Über dem Berg, Hausnummer 3“, die Reste eines vorbarocken Taufsteins befinden sollen. Doch wenn man dem mit viel Liebe renovierten Fachwerkhaus vor Ort einen Besuch abstattet, ist von einem Taufstein nichts zu entdecken.
Wo aber ist der Taufstein geblieben, wurde er altersbedingt entsorgt und welche Funktion hatte oder hat dieses Kulturdenkmal?
Taufe, Taufsteine und Reformation
Alles begann im Jahr 1200, als Altenkirchen offizieller Taufort des Christentums war. Die Taufe wurde damals in der aus Stein erbauten Kirche, einer sogenannten Pfeilerbasilika, die an diesem Standort noch bis zum Jahr 1851 ihren Dienst versah, durchgeführt.
Für die Taufe befand sich in dieser Kirche ein Taufstein, bestehend aus einem Taufbecken und einem Fuß.
Die Taufe wurde als heiliges Sakrament, das allen Getauften ihre Sünden vergibt und diese von der Erbsünde befreit, verstanden. Das sich im Taufbecken befindliche Wasser war zur Segnung geweiht und wurde darin das ganze Jahr über aufbewahrt.
Doch im Zuge der Reformation führten die Landesherren der Grafen von Sayn im Jahr 1606 den Heidelberger Katechismus ein, dessen Grundlagen in der evangelischen Kirche begründet sind und der aus der bisherigen katholischen Kirche in Altenkirchen eine evangelische Kirche machte.
In der evangelischen Kirche lag die Bedeutung der Taufe in dem Bekenntnis zur Gnade Gottes und dem Glauben an Gott und nicht im Sakrament der Sündenbefreiung.
Da sich die Bedeutung der Taufe beider Konfessionen grundlegend unterscheiden, war der sich in der Kirche bisher befindliche, geweihte Taufstein mit dem evangelischen Glauben nicht vereinbar und wurde entfernt. Zur Taufe nutzte man fortan eine schlichte Taufschale, in die das Taufwasser erst kurz vor der Taufe eingefüllt wurde.
Lagerung und Versteigerung
Der Taufstein wurde auf das Gelände des Altenkirchener Schlosses verbracht, wurde dort an einer Mauer abgelegt und geriet in Vergessenheit. Dort fristete er 256 Jahre lang sein Dasein.
Das änderte sich 1862, als das Inventar des Altenkirchener Schlosses versteigert wurde, da das Schloss wegen Baufälligkeit abgerissen werden sollte. Meistbietender für den Taufstein war ein Landwirt aus Mammelzen, der den Stein zu seiner Wohnadresse, heutige Straße „Über den Berg“, transportierte.
Der Taufstein diente dem Landwirt fortan zum Waschen von Kartoffeln und Rüben für die Viehfütterung.
Da der Taufstein im Laufe der Jahre durch einen Waschtrog ersetzt wurde, wurde dieser auf dem Grundstück am Wegesrand abgelegt.
Der Taufstein ist verschollen
Doch dies erregte das Missfallen des damaligen Dorfschmieds. Frei nach dem Sprichwort kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, fühlte sich der Dorfschmied durch den „katholischen“ Taufstein gestört. In einer Nacht und Nebel Aktion und von den Dorfbewohnern unbemerkt, bemächtigte sich der Dorfschmied des Taufsteins und begrub diesen auf seinem Grundstück. Dies deshalb, weil ihn der „hillige Steen“, so wie er später sagte, dauerte. Und so blieb der Taufstein mehrere Jahre verschollen und geriet in Vergessenheit.
Aus den Kirchenbüchern überliefert, wurde der damalige Heimatverein Altenkirchen in den 1960er Jahren auf den Taufstein aufmerksam und man beschloss, sich auf die Suche nach diesem Kulturdenkmal zu begeben. Doch wo genau der Dorfschmied, der inzwischen verstorben war, den Stein begraben hatte, wusste niemand. Mehrere Grabungen auf dem Grundstück in Mammelzen blieben erfolglos.
Glücklicher Zufall führt zum Erfolg
Doch 16 Jahre später hatte man Glück, denn bei Erdarbeiten, die mit einem Bagger auf dem Grundstück ausgeführt wurden, entdeckte man Steinreste. Und als man auf einem der Steine zwei Kreuze fand, war allen Beteiligten klar, dass man den so lange verschollenen Taufstein gefunden hatte. Das Taufbecken war noch gut erhalten, den Fuß aber hatte der Dorfschmied zerstört, so dass dieser entsorgt werden musste.
Das Taufbecken wurde kartografiert, anschließend in die Liste der Kulturdenkmäler von Rheinland-Pfalz aufgenommen und auf dem Fundgrundstück in Mammelzen belassen. Dort diente der Taufstein fortan als Vogeltränke.
Der Taufstein kehrt zurück
Doch das Schicksal meinte es gut, als Haus und Grundstück den Besitzer wechselten. Der neue Eigentümer, die Familie Miesen-Sperbel, erkannte den Wert des Taufbeckens, nahm mit der katholischen Kirchengemeinde St. Jakobus und Joseph in Altenkirchen Kontakt auf und bot dieser das Taufbecken als kostenlose Dauerleihgabe an.
Der damalige Pfarrer, Bruno Nebel, erklärte dazu: „Der Taufstein ist wirklich sehr alt, hat auch gelitten. Nachdem die Familie Miesen-Sperbel aus Mammelzen uns den Stein überlassen hatte, hat unser örtlicher Steinmetz einen Unterbau gefertigt, so dass er nun in unserer katholischen Pfarrkirche in Altenkirchen einen würdigen Platz gefunden hat“.
Seit 2015 steht der Taufstein nun im Kirchenraum von St. Jakobus und Joseph in Altenkirchen und kann dort zu den Öffnungszeiten der Kirche besichtigt werden.
Das Alter des Taufsteins
Denkmalforscher gehen davon aus, dass es sich bei diesem Kulturdenkmal um den ältesten Taufstein des Westerwaldes handelt, da Taufsteine im Westerwald nicht vor dem Ende des elften Jahrhunderts verbreitet waren. Zwar kann man das exakte Alter des Taufsteins bis heute nicht ermitteln. Doch durch die Rolle der Pfeilerbasilika in Altenkirchen als Taufkirche, die bereits im Jahr 1200 erwähnt wurde, geht man davon aus, dass der Taufstein schon von Anfang an Teil der damaligen Kirche war.
Autor: Axel Griebling, Mammelzen
